26. Juni 2007

Transgermaniaexpress


Es fing an mit einem Unwetter. Ein großes. Ich war auf dem Weg zum Kunden und es war klar, daß an dem Projekt nichts lief wie es sollte. Der Kunde schlug das eine Serviceteam und das schlug meinen Projektleiter, der war in Urlaub also alles auf mich. Es war eine dieser Wochen.

22 Stunden später. Reine Arbeitszeit in zwei Tagen. Alles im Lot, jeder glücklich, ich totmüde. Weil alle so grinsen, genehmige ich mir einen Zug früher, um vielleicht nicht erst spät nachts wieder in Hamburg zu sein. Und draußen stürmt es immer noch. Ich schau am Bahnhof, mitten am echten blanken haarlosen *** ihr wißt schon was *** der Welt, auf die Oberleitungen und die schaukeln mächtig. Ab und zu fliegt eine Maus oder Ratte quer über den Bahnhofsplatz, mit einem selten dümmlichen Schnauzausdruck und batzt irgendwo an der Böschung in die Büsche.

Die Durchsage war dann nur Formsache. Oberleitungsschaden, Zugverspätung - ich muß eh zweimal umsteigen also kann ich das eh schon knicken. Da fährt oh Wunder der verspätete Transgermaniaexpress von vor einer halben Stunde ein und ich steig, mißtrauisch, ein. Ich hatte recht, er fährt bis genau EINE Station vor meinem nächsten Umsteigepunkt. Also nur Makulatur, noch dazu eine langsame. Local train, wie sie es so schön durchsagen.

Also rumpeln wir irgendwann durch Westfalen, ich kann die Aussicht nicht besonders genießen, weil draußen die halbe Welt untergeht, während die andere versucht diese festzuhalten. Es wirkt nicht nur ein wenig surreal, es ist in seltsames gelbes Licht getränkte Surrealität pur. Und wir fahren in den Endbahnhof ein. Gewonnen habe ich das trügerische Gefühl weitergekommen zu sein.

Diverse Durchsagen von Geisterzügen, die VOR einer halben Stunde hätten durchfahren sollen später habe ich das Geheimnis enttarnt. Weil grad so gar nichts läuft, lassen sie die Züge am einen Ende des Bahnhofs (immer noch am haarlosen *** ihr wißt schon was *** der Welt) rausfahren, drehen einen Bogen hinter der nächsten Häuserzeile und fahren dann freudestrahlend, daß doch noch irgendwo besseres Blech auf die Schiene zu bringen war, wieder ein. Also steig ich wieder ein, in den Transgermaniaexpress. Sieht auch fast genauso aus wie der andere. Ich bin immer noch mißtrauisch. Die haben da bißchen raffiniert gedacht und noch einen Speisewagen dazwischen gehängt.

Da fahre ich also in meinen Umsteigebahnhof ein und wage mich aus dem Zug. Vor ungefähr 5 Minuten habe ich die Augen geschlossen, damit ich die Anzeigetafeln nicht sehen muß um wieviel ich meinen Anschlußzug verpaßt habe. Die Ratte von Sprecher sagt es mir aber: es sind 7 Minuten. Ich gehe bißchen tapsig zum Fahrplan und suche einen neuen Zug. In 20 Minuten würde einer fahren. Welches ist das wichtige Wort? Genau, der geht nur Samstag. Der nächste dann 35 Minuten. Würde. Sonntag und Feiertage. Ich komm hier einfacher nach Braunschweig als nach Hamburg. Also wird es eine Stunde. Okay, Bahnhofsshoppen ist angesagt und ich trotte herum. Denn hier windet es nicht.

Weil der Bahnhof so gar nicht viele Haare mehr hat als die anderen gehe ich schon mal zum Bahnsteig denn ich habe ja mein feines Buch dabei. Da fährt ein extrem verdächtig fahrender Zug ein. Ich husche wie ein Huhn zur Anzeige und sehe da einen Zug nach Hamburg, der eigentlich NACH den vorhin erwähnten fahren sollte, aber nur Samstags (also noch ein dritter dieser). Ich beschließe, daß es heute Samstag sein sollte, steige ein, gehe durch einen absolut verdächtig bekannt aussehenden Speisewagen und nehme Platz.

Hier könnte es zuende sein. Könnte. Der Transgermaniaexpress fährt los. Aber es stürmt ja noch. Kaum daß wir aus dem Bahnhof raus fahren, weht eine Katze mit einem echt verdutztem Gesichtsausdruck vorbei. Sie versucht sich noch festzukrallen und wissenschaftlich korrekt beobachte ich, wie sie so langsam aus dem Blickfeld schmiert. Ein echt mieses Wetter. Der Engländer drei Reihen vor mir sagt dazu nur. "No, that's just moist." Er muß es ja wissen.

Ich bewunder noch ein wenig das Interieur als ich diese gewisse Surrealität feststelle. Die Welt weht und huscht zwar noch am Fenster vorbei. Aber wir fahren nicht. Wir stehen. Mitten am haarlosen *** u know *** weil gerade jetzt ein Baum meinte auf die Gleise fallen zu müssen. Erste Panik macht sich breit, als ein halber Wagon voll Leute auf den Speisewagen stürmt um sich mit Vorräten für die Nacht einzudecken. Ich überlege erst, ob ich mich als Routinée outen soll, lese dann aber weiter "Thud". Irgendwie erinnern mich viele Passagen darin an Anke.

Später. Es ist draußen immer noch gelb, fahren wir los. Ich habe die Theorie daß der Zugführer des Transgermaniaexpresses vielleicht genug Schwung holen will, um den Baum einfach von den Schienen zu fahren und schaue mich mal vorsorglich nach etwas zum Festhalten um und male mir eine Zielscheibe auf das Kissen des Vordersitzes. Der Fahrgast da ist glücklicherweise selbst zu irritiert, um mich einweisen zu lassen. Kurze Zeit später kann ich Entwarnung geben. Wir haben nur die Feuerwehrmänner gerammt, die den Baum vorsorglich zur Seite gelegt hatten und sind weiter auf dem endlosen Weg in die Hansestadt.

Genau weiß ich nicht, wer mich auf den Bahnsteig gestellt hat, aber ich bin am Bahnhof Dammtor. Der Transgermaniaexpress fährt wie von Geisterhand weiter und ich bemerke, wie die Räder gelblich schimmern. Ich erinnere mich wieder an die Uhren, denn ich will nicht sehen, daß ich eine Stunde früher los bin um nun mit keine Ahnung wievielen Stunden Verspätung hier angekommen zu sein und das noch dazu in ein und demselben Zug in den ich immer wieder umgestiegen bin.

Aber nun, ich bin neugierig und linse ein wenig. Da sehe ich wieder eine dieser Ratten quer vorbeiwehen, das Unwetter ist immer noch. Und direkt hinter der Ratte ist eine fette Bahnhofsuhr. Eine dieser. Ich sehe also doch die Verspätung und denke mir "blöde Ratte." Eine dieser Projektwochen, die man nicht wieder so schnell vergißt.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es erinnern Dich viele Passagen an mich?!
ICH BIN NICHT KLEIN! Weder mit noch ohne Bart!

Anonym hat gesagt…

Aber Du bringst ebensolch wunderbaren Sprüche wie im Buch. Jedes Mal sehe ich dann Dein verschmitzes Gesicht vor mir. Wobei Angua als Spike auch nicht schlecht ist. ;)

Anke hat gesagt…

Ja, es hat in der Tat ein paar schöne Stellen...
Ardent der Zwerg: " >to see the light< is to be blinded. Do you not know that in darkness the eyes open wider?"

Now.. Where's My Cow??

Anonym hat gesagt…

Wer hätte gewußt, daß sich die Zwerge unter Ankh-Morpork Joints reinziehen, damit sich die Augen weiten.

Is that your cow?
It goes "Baa!".