11. September 2007

Klingen putzen, moderne Variante


Sich im Job verändern wollen und sich gut vorstellen können, eine Stufe weiterzugehen ist eine Sache. Dies in die Tat umzusetzen eine ganz andere. Seit den etwas schweren Jahren, in denen ich viele Bewerbungen geschrieben hatte und das immergleiche anteilslose Feedback, ob nun zu Beginn oder in der Mitte des Verfahrens, haben in mir einen Horror vor klassischen Bewerbungen wachsen lassen. Auch weil es in Deutschland immer noch gewünscht ist, möglichst anzugeben, mit Labels und Titeln zu winken und die eigentlichen Skills für diese Positonen aus dem Fokus zu lassen. Meine Bewerbungen damals im angelsächsischen Raum habe ich sehr zu schätzen gelernt, da es sich auf das Wesentliche konzentriert.

So muß ich im Projekt zur Zeit mit einer weltbekannten Beratungsfirma, oder besser deren Angestellten, zusammenarbeiten und habe ich meinem Leben noch nie so schlechte Konzepte und so dumme Entscheidungen erleben dürfen wie dort. Weil es diesem renommiertem Haus eben um den Schein und den Glanz geht als um fähige Leute. Die sucht man woanders und gerade für den Bereich der Business Intelligence, in dem ich arbeite, bedeutet das auf kleine Firmen zugehen und dort die richtige Mischung zu finden.

Ich möchte diesen Leuten, Angestellten wie Personalern, auf den Kopf zuschreien, wie einfältig sie ihre Auswahlprozesse gestalten, mit welchen Leuten sie diese Projekte bestücken und wie dämlich man einfach Dinge umsetzt. Die Wut ist nicht immer leicht aus diesen Gesprächen herauszuhalten und sollte man an der Oberfläche fragen, warum eigentlich gerade diese Entscheidungen zu fällen sind, bekomme ich immer die Standardantwort. Eigenes Denken, eigene Kreativität und adaptives Handeln ist den allermeisten fremd und es ist ein Graus mit solchen Leuten konfrontiert zu sein.

Also habe ich mich in meinem Netzwerk umgehört und diesen Weg zur Stellensuche verwendet. Die großen Häuser mit Absicht vermieden und schließlich drei Unternehmen kontaktiert. Noch nie war die typische Frage so einfach zu beantworten: "Warum kommen Sie gerade auf uns?" - "Weil Sie aus meinem Netzwerk heraus empfohlen wurden." Genauso und nicht anders. Die freudige Überraschung war auch, dort mit Personalern konfroniert zu werden, die neben den Standardfragen auch eigene Gedanken in das Gespräch packen, so daß man das Gefühl hat, einem arbeitenden und denkenden Menschen zu sprechen und nicht nur eine Vorstellung auf dem Papier, dessen Erfüllungsgehilfe Häckchen nebenher aufs Papier setzt - oder eben nicht.

Im Prinzip geht es mir in diesem Bewerbungsprozeß um die Menschen und um deren Umgang mit dem täglichen Geschäft. Ich gehe davon aus, daß man sein Fach beherrscht und mich interessiert, wie diese mit ihrem Wissen umgehen und wie sie es anwenden. Anscheinend ist diese Heransgehensweise in den großen Häusern nicht verbreitet. Meine Bewerbungen liegen bei den kleinen Häusern vor und bislang sind alle drei Kandidaten interessiert bzw. ein fertiges Angebot habe ich. Die viele Zeit und die miesen Augenblicke in der typischen Bewerbungsphase haben sich also schon mal gelohnt und nach Vorbereitung auf Kabale, Hochzeit und neuem Job hoffe ich doch mal auf einen entspannten Herbst mit vielen Gelegenheiten, die Fotoideen von mir umzusetzen.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi,
ja, viele Leute fuehren leider schlechte Interviews. Von "den Bewerber nicht zu wort kommen lassen, und von sich selbst erzaehlen" ueber "Fragen stellen die nicht auf die Faehigkeiten des Bewerbers abzielen".
Ein nicht so tolles Interview hatte ich fuer meinen derzeitigen Job. Nach dem Interview hatte ich das Gefuehl, ich hatte nicht ausreichend Gelegenheit, meinen jetztigen beiden Chefs meine Faehigkeiten darzulegen.
(sie haben sich dann gluecklicherweise dennoch fuer mich enschieden).

Oft wird die Faehigkeit getestet "wie gut ist einer im Bewerbungsgespraech, nicht nervoes, etc" statt "wie gut wuerde er den Job machen". A la "aber im Interview war er doch so gut..."

Sehr nervig, wenn man in solchen Interviews sein Koennen zeigen will.

Anonym hat gesagt…

Es ist nicht nur nervig, sondern führt auch dazu, daß ich mich nicht ernst genommen fühle.

Immerhin bereite ich mich lange via Recherche und Unterlagen zusammmentragen und -schreiben darauf vor. Große Unternehmen argumentieren damit, daß die Vielzahl der Bewerbungen es unmöglich machen, jede einzelne genau zu prüfen. Dann frage ich mich, was diese aber von Ihren Bewerbern erwarten? Standards? Moderne Unternehmen verlangen doch geradezu nach dynamischen High-Flyern. Warum fangen sie dann nicht bei sich selbst an?

Bei kleineren Firmen unter 300 Personen merke ich jedenfall häufiger, daß sich hier jemand für die Passung interessiert. Sich fragt, "kann der Bewerber in die Kultur und in die Stelle passen" und "wie geht er mit Erfahrungen und schwierigen Situationen um". Ein immergleichen Vorbeten des Werdegangs wird hier auf die Pflicht reduziert.

Ich bin der Meinung, daß sich diese Schnittstellen zu neuen Leuten für das Unternehmen zu sehr wichtigen Faktoren herausbilden werden. Denn jedes Unternehmen bekommt die Bewerber die es verdient. Und das sehe ich an eben im Blog erwähnten weltweit agierenden Beratungsunternehmen. Als Entscheider würde ich die für meine Projekte niemals wählen.

Anonym hat gesagt…

Ja, wie du schon beobachtet hast: manchmal kommt es nicht drauf an, was man kann oder tut, sondern nur, wie sehr man die anderen beeindrucken kann.
Je nach Position ist das mehr oder weniger wichtiger; damit können sich Manager ggf eher durchmogeln oder -lügen als admins, wo einfach auffällt, wenn sie den Stapel Papiere nicht erledgt haben.
Das schlägt sich wahrscheinlich (?) auch auf den Interview-stil durch.

Ich kann da nur das kompetenz-basierte Interview empfehlen:ausgehend von der Frage "was sind die Kernkompetenzen, die der gesuchte Stelleninhaber unbedingt haben muss", und dann daraufhin nach konkreten Beispielen im Interview abklopfen. Nicht von schönen Worten ablenken lassen.
Wenn man auf der anderen Seite sitzt und interviewt wird, ist das schwieriger... sollteman eingreifen, wenn man "schlecht" interviewt wird? A la "also, auf diese Weise kann ICH ja nichtmal rausfinden, ob ich auf die Stelle passe"?!

Leo und Tanja hat gesagt…

Hihi, den Vorschlag von Anke finde ich gut. Allerdings wird man damit wahrscheinlich beim angesprochenen Typ Interviewer nicht besonders gut ankommen. Ich hatte schon Interviews, in denen der Einstellende 90% der Zeit geredet hat - wahrscheinlich kam der sonst nie zu Wort. Am allerschlimmsten finde ich aber die sog. Profis, sprich Personalberater, Headhunter und co. Da sitzt man vor einem Typen mit nach hinten geschleimten Zuhälterhaaren und einem Hemd, das bis auf die Brust aufgeknöpft ist, und fragt sich, wie tief man sinken soll, um so jemanden zu beeindrucken. Dann muss man immer wieder die gleichen Standard-Fragen beantworten, die nichts mit der Position zu tun haben, und denen man am besten mit aus dem Internet recherchierten Bewerbungsratgeberantworten begegnet, so wenig sie auch mit einem selber zu tun haben. Und zum Schluss kommt immer, *immer* die Frage nach der Familienplanung. Die man natürlich immer wahrheitsgemäß beantwortet. Wer hat die Typen eigentlich zu Experten ernannt?
Zum Abschluss noch ein Highlight:
Interviewer (gelangweilt): Na, dann erzählen Sie mir mal was von sich, aber bitte beten Sie nicht einfach auswendig ihren Lebenslauf runter.
Tanja: Ähm, also, ich weiß ja nicht wie's Ihnen geht, aber mein Leben hat sich mir in weiten Teilen doch so eingeprägt, dass ich's unweigerlich auswendig kenne, sorry...