27. August 2007

Die Zeit


"Die Zeit" hatte in der letzten Ausgabe ein interessantes Dossier, das auch zu meiner damaligen Diplomarbeit gut paßte. Wie wichtig sind eigentlich die richtigen Namen, das richtige Umfeld und vor allem die Partnerwahl in unserer modernen Zeit. Es geht um Labels und um Vorstellungen, die der einzelne gewonnen hat und die er seinem Umfeld anlegt.
Wir heiraten kaum noch unter unserer Schicht, suchen uns gewisse Stadtviertel oder später dann die passenden Schulen aus. Auch die Namen der Kinder zeigen mehr und mehr eine Standesauswahl an. Vereinfacht wird das noch durch kategorisierende Partnerbörsen. Soviel zur These.
Durch meine regelmäßigen Besuche in London dachte ich, daß das dort der Vorreiter für diese Standes- und sonstige Dünkel wäre aber nach den Darstellungen aus dem Dossier war ich überrascht über diese einfachen Wahrheiten, wie sie in Deutschland beschrieben wurden. Noch dazu, daß die Schichtendurchlässigkeit hier viel schwerer als in Großbritannien sein soll.
Dabei denke ich auch an meine eigene Familie, die aus Bauern und Handwerkern hervorgegangen ist und in der ich der bisher erste Akademiker wurde. Zwar würde ich nicht unbedingt nach einem Stand suchen, sondern wenn dann eine Frau, mit der ich auf gleicher Augenhöhe agieren kann. Aber ich fürchte, daß dieses Standesabhängig sein kann. Und dazu stelle ich überraschend fest, daß ich mich auch frage, was ich an meine Kinder weitergeben könnte. Unabhängig von menschlicher Zuwendung und dem leidigen Geld. Was ich als Mensch aus der gelernten Geschichte meines Lebens heraus herüberbringen kann. Labels vereinfachen die Komplexität des Lebens aber an die Namensgebung oder an die Art einer Schule habe ich bisher nie gedacht. Erziehung ist für mich keine Frage der Labels sondern der Ideen dahinter, die zur einfacheren Handhabung dann Labels bekommen können. Aber nicht für jeden bedeuten diese den gleichen Sachverhalt.
Die Fallbeispiele aus dem Dossier sind arg kanalisierend. Reichen aber aus, um die Idee darzulegen. Da ich in den relevanten Kreisen nicht verkehre, kann ich mich einerseits als Bestätigung der Theorie in Abwesenheit sehen oder die Theorie als Elfenbeinturmwissen. Dennoch: was bleibt ist die Frage nach den Kindern an sich, denn diese leben und wachsen sicher nicht an Standesdünkeln sondern an der Menschlichkeit. Und das läßt das Dossier geflissentlich aus.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ja, es gibt deutliche Zusammenhaenge von "Stand/Schicht", Kleidung, Frisur, Makeup, Namen, Bildungsabschluss etc. Man muss nur mal mit offenen Augen Zugfahren.
In allen Schichten &sozialen Gruppierungen herrscht ein gewisser "Kleidungsdruck" denke ich. Z.B. dass man teuere Sneakers tragen sollte, oder Markenjeans, oder nicht zu billige Anzuege in die Arbeit.

Bei den Namen liegt die Schichtabhaengigkeit (angeblich) daran, dass z.B. Eltern aus der working class ihren Kindern gern Namen von Celebrities geben, oder "schick" klingende Namen wie "Cheryl" oder "Cassidy". Eltern mit hoeherem Bildungsstand bevorzugen klassischere Namen. Somit kann in gewisser Weise der Name den Schlussabschluss voraussagen.

Bestimmte Stadtviertel oder Schulen: na klar. Jeder will ja ein Stadtviertel, in dem er sich wohl fuehlt; was in der Regel wohl heisst "meinem sozialen Stand angemessen". Und weit ueber dem soz Stand kann man sich nciht leisten - sonst waere man ja schon in den "anderen" soz. Stand. Und "unter" dem Stand, da wuerde man sich nicht soo wohl fuehlen, oder? Ich z.B. wohne lieber in einer gepflegten spiessigen sicheren huebschen Gegend, als in einer billigeren Gegend, in der ich mich "out of place" fuehle, weil die Leute um mich herum "ganz anders" sind, z.B. die Frauen nicht arbeiten sondern Kinder gross ziehen und die Maenner am sonntag im Unterhemd herumlaufen (mal uebertrieben gesagt).

Hier in England kann man sich nciht aussuchen, auf welches Gymnasium die Kinder gehen, sondern das geht rein danach, an welcher Schule man am dichtesten wohnt.
Ein Kollege von mir ist deswegen letztes Jahr aufwaendig umgezogen - mit Frau und Kindern, und Huehnern und Haushalt und Rasenmaeher-sammlung. Er wohnt jetzt ca. 5km von ihrem vorherigen Haus entfernt - und die Kinder koennen auf die besser angesehene Schule gehen.

naiko hat gesagt…

salut

ich fürchte, der standesdünkel steht sehr sehr sehr im vordergrund, auch wenn das niemand so ausspricht - oder viele es auch gar nicht merken. ich kenne beide seiten, die snobs und die, die darunter zu leiden haben - eltern von angehenden hauptschülern und von gymnasiasten gehen einander aus dem weg, weil letztere sich gerne als was besseres fühlen. und glaub mir,da geht die menschlichkeit unter, an sowas denkt da kaum einer, und genau das überträgt sich dann auf die kinder. so leid es mir tut, alles andere ist wunschdenken, jedenfalls in vielen familien, auch wenn sie's nicht wahrhaben wollen.
erziehung, die gegen das klassendenken angeht, ist sehr selten. auch wenn sie so wichtig und wünschenswert wäre.

wir unter uns mögen so etwas diskutieren, aber dann hoffen wir doch auch,dass unsere kinder in unsere akademischen fußstapfen treten oder doch wenigstens nicht müllmann oder sowas werden, oder? ok, wir lassen sie mit den "schmuddelkindern" spielen, aber nur so lange, wie die unsere werte haben - no drugs, no unnecessary risks, etc. oder würden wir wirklich jubeln, wenn sich unsere söhne und töchter einer gang anschließen? wohl kaum. ich glaube, all das ist klassendenken, auch wenn man es nicht wahrhaben will.

natürlich wünschen wir allen unsere bildungsmöglichkeiten, unsere möglichkeiten, einen weiten horizont zu haben. aber wir wünschen den anderen eben UNSERE möglichkeiten. oder ?!

ich übrigens auch - schon von berufs wegen.

trotzdem. es ist klassendenken. finde ich.

herzlichst.
n.

Anonym hat gesagt…

"ok, wir lassen sie mit den "schmuddelkindern" spielen, aber nur so lange, wie die unsere werte haben"

Das würde ich nicht zwingend in allen Punkten so sehen. Vor allem weil es bei uns hypothetisch ist. Dennoch hoffe ich es klar sehen zu können und nicht klassendenkend. Auf jeden Fall wird ein starker Einfluß durch das Paar gestaltet und nicht nur durch meine Meinung alleine.

Der Artikel jedenfalls widerspricht meinem Denken und ich frage mich, wieviel Idealismus dann in mir wirklich steckt, wenn es real wird. Insofern muß ich Dir erstmal Recht geben. Alleine schon Deines Berufs wegen. ;)

naiko hat gesagt…

hey
ich denke, idealismus ist in diesem bereich auch einfach wichtig und ich hab den schon auch, aber ich seh viel anderes und bin noch dazu in einem etwas snobbistischen haushalt aufgewachsen, obwohl das sicher keiner je wirklich ehrlich zugeben würde - in meinem haushalt... ich hab trotzdem das gefühl. und hoffe natürlich, trotzdem keinen standesdünkel zu haben, weil ich sowas schlicht doof finde. und stets ungerechtfertigt.

tja, so können wir letztlich alle nur hoffe, dass wir nicht allzu sehr ins klassendenken verfallen. aber ich hab da eben doch meine argen zweifel, wie gesagt...

lieben gruß
n.