21. September 2007

Tschakka


Hat eigentlich jemand den Freudschen im Titel des vorletzten Eintrags bemerkt? Ist mir auch erst danach aufgefallen. Aber auch die Rechtschreibfehler zu meinem IR Bildern häufen sich. Ich brauche mal wieder ein gutes klassisches deutsches Buch als Literatur, bei mir färbt das nämlich immer ab.
Ein Kommentar in einem der letzten Blogeinträge aus meinem Freundeskreis und die Situation von Tanja sowieso hat mir einen Gedanken beschert, der in meinem Kopf umherkreist. Auf sich selbst aufpassen und erkennen, wann man Nein sagen sollte. In allen Momenten, privat wie beruflich.
Dabei neige ich dazu, wenn mir etwas Spaß macht, dies auch zu übertreiben. Oder wenn ich es mir einfach in den Kopf setze etwas zu tun. Dabei reicht meine Kraft wesentlich kürzer als meine Sturheit und ich merke erst hinterher, wann ich den Punkt überschritten habe, daß etwas gut für mich wäre. Ich glaube, das hat etwas mit Begeisterungsfähigkeit im Privatbereich zu tun und mit (fehlgesteuertem?) Pflichtgefühl im Arbeitsleben.
Als ich noch aufs Gymnasium ging und während der Ferien bei Siemens ein paar Kröten dazu verdient hatte, bin ich während einer Pause öfters durch deren Hallen gelaufen, um mir alles anzuschauen und traf dabei auch etliche meiner Klassenkameraden und Freunde von damals. Eine besonders arbeitete auch während der Pausen weiter und machte gut und gerne mehr als für mein damaliges Empfinden sinnvoll war. Auf meine Frage des Warums bekam ich keine verständliche Antwort. Die Person arbeitet heute für den Staat als Beamte.
Wenn auch die letzte Minute eines Lebens mit Arbeit erfüllt wurde... wann fällt es einem auf, daß die letzte Minute die berühmte zuviel war? Und anders betrachtet: Wann fällt es einem Vorgesetztem auf, daß der Berg an Arbeit für den einzelnen zuviel geworden ist und das Argument, daß alle viel zu tun haben, nicht mehr die sinnvolle Antwort ist. Das Pflichtgefühl überdeckt hier die Grenze und im privaten Bereich überdeckt es bei mir der Spaß.
Ein Beispiel: Vampire Live habe ich an die sechs Jahre geleitet. Die Luft ist raus, die Erinnerungen sind vielfältig und schön aber nochmal mitmischen packt mich nicht mehr. Ich habe jeden Plot erlebt, jedes Wort erzählt und der Zenit bei meinem Spaß überschritten. Zigtausende Mails liegen bei mir in Ordner aus der Zeit wovon nicht gerade wenige von der Unzufriedenheit eines (beliebigen) Spielers handelt bis hin zu Haßmails einzelner besonders herausragender Störenfriede. Hier kann ich die Grenze klar erkennen und es fällt mir zwar mit Wehmut aber doch leicht, Nein zu sagen.
In beruflicher Sicht ist es weniger klar abzugrenzen. Natürlich kann ich jeden Tag mehr als die erforderliche Zeit arbeiten, weil es immer noch etwas zu tun gibt. Hier ein Projekt, da ein Vortrag, noch ein Angebot und vielleicht mal auf eine Abendveranstaltung. Mit dem Hintergrund, daß diese Aktivitäten sicher nicht am gleichen Ort stattfinden. Erst gestern hatte ich wieder 7,5 Stunden Bahnfahrt durchgezogen. Viele Firmen im Beraterbusiness meinen zu Reisezeit: das ist Freizeit.
Ein Kollege von mir, frisch vervatert, hat sich das zwei Jahre gefallen lassen bis er einfach umfiel. Als selbst danach vom Vorgesetzten lediglich Einsatz verlangt wurde, hat er die Konsequenz gezogen und gekündigt. Es gibt einfach keine erkennbare Grenze außer der eigenen Meinung, daß Genug auch Genug ist. Und den wenigsten wurde das anscheinend in der Ausbildung oder im ersten Job beigebracht. Im Kopf hatten wir damals alle die Bilder von Karriere, Position etablieren und später, ja später dann mal...
Ich denke, daß das Hinausschieben dieses Späters nur zu einer Katastrophe führen kann, denn man verbaut sich mit dem Festhalten an dieser Meinung die Möglichkeit, Nebenwege zu beschreiten und andere Seiten über den Tellerrand der Arbeit kennenzulernen. Wir sagen deshalb nicht Nein, weil wir die Konsequenzen erstmal nicht abschätzen können und, schlimmer noch, vermuten, daß eine Absage negative Konsequenzen für die ach so geliebte Karriere haben wird.
Fakt ist doch, Plätze an der Sonne sind rar und müssen immer mit starken Einbußen im Privatleben erkämpft werden. Warum also streben wir wie die Lemminge an diese Plätze anstatt und Gedanken darüber zu machen, was wir, jedes Individuum für sich, eigentlich unter diesem Platz verstehen. Es gibt unzählige Plätze, die für diverse Menschen geeigneter wären als die Karrierespitze Management. Das herauszufinden erfordert aber gerade das Kultivieren des Neins, das Kultivieren des Scheiterns und das Lernen, daß die Knicke im Leben immer auch Chancen darstellen die man nutzen sollte.

2 Kommentare:

naiko hat gesagt…

hi mib,
gerade der letzte abschnitt spricht mir aus der seele! der platz an der sonne ist nicht für jeden derselbe. ich habe gestern in meinem ethikunterricht die schüler aufschreiben lassen, wann sie einmal wirklich glücklich waren und wie sich das angefühlt hat. es ist erstaunlich,dass sich glücksmomente zwar für die meisten menschen ähnlich anfühlen, aber die auslöser und gründe sind so vielfältig. man kann das nicht übertragen.

übrigens: ich bin jetzt auf lebenszeit beamtet und die leute gratulieren mir reihenweise. ich finde das spooky... für mich ist's ein zweischneidiges schwert. mit starkem hang - wirklich und ehrlich - zum schlechten gefühl. für mich ist's eher so: jetzt hab ich lebenslänglich. aber: die feile hab ich bereits in der tasche. für mich ist die schule jetzt gerade und hoffentlich auch noch eine längere zeit ein wirklichwirklich sonniger platz und ich erlebe jede menge guter tage. aber wenn sich das mal ändert, pack ich die feile aus und bin weg. versprochen! und das geht auch an all die schüler, die das hier nicht lesen und nicht von mir unterrichtet werden werden, wenn ich dazu keine lust mehr habe.
liebe grüße

und hast du eigentlich den kommentar mit der faustausgabe gelesen?

n.

Anonym hat gesagt…

So, nun komme ich endlich wieder zum Freunde-Blogs lesen - nach dem Con.

Zu diesem Artikel fiel mir spontan ein Zitat ein, was hier in UK gelegentlich aufkam - along the lines of:

Wenn du am Ende deines Lebens zurueckblickst, wirst es bereuen...?
- wenn du dich in der Arbeit nicht 120% reingehaengt hast, wenn Projekte vielleicht nur gut und nicht super gelaufen sind?
- Oder wirst es bereuen, dass du nicht mehr Zeit mit Deinen Freunden verbracht hast, deiner Familie, und Dingen die Deiner Seele gut tun?