15. Oktober 2007
Samstag Morgen
Es ist Samstag morgen, ich stehe mit einer Socke bewaffnet vor meiner Waschmaschine und meine Wohnung sagt mir zu vielen Gelegenheiten, daß sie überholt werden möchte. Gestern habe ich mit Dr. Leo Wahnsinn und seiner charmanten Gattin aus der Anstalt noch ein Frühstück ausgemacht und ich wundere mich, daß sie nicht anrufen. Das ist unser geheimes Signal.
Mit einer Hand schrubbe ich über den Regler für die Wascheinstellungen, mit der anderen tippel ich am Laptop um die Mails noch fix abzuholen und lese dort, warum das Signal in den Weiten des Raumes auf sich warten ließ. Wir haben auf Text umgestellt. Da steht, daß ich jetzt schon zu spät bin. Da mein Cyclomobil neuerdings auf der Felge grindet, fasse ich noch schnell die Pumpe und setze gekonnt den Kopf auf das Ventil, um etwas Dämpfung im Reifen zu bekommen und überhastet fasse ich das falsche Ende an und die Luft ist entgültig heraus. Zwei linke Hände und so.
Irgendwann schaffe ich doch mein Cyclomobil auf die Straße und rase wie geölt durch die eisige Hamburger Morgenluft. Der Gedanke an Handschuhe verweilt noch in der Wohnung, er war nicht schnell genug so daß die Steuerung etwas holprig ausfällt und die Bremsung zu wünschen übrig läßt. Dann kam der Kreisverkehr.
Es scheint, daß manch Hamburger den Kreisverkehr als automatische Vorfahrt auf voller Breite versteht und da ich mich als Cyclist vorwage, dreißig Zentimeter "seiner" Bahn einzunehmen, erfolgt auch gleich ein lautstarkes Getröte direkt an meinem Ohr, daß mein Hirn kurzzeitig entflieht. Da der Kreisverkehr recht schnell auch diverse Routen anbieten, husche ich die nächstmögliche ab, um mein Trommelfell etwas zu entlasten, direkt auf eine Baustelle mit Vollsperrung und zwei Spuren kreuz und quer stehender Autos. Die Ampel ist rot.
Hilft nichts, Knien anlegen, Arme einziehen und hoffen. Ich spüre den Luftzug der Seitenspiegel und die Ampel springt gnädig um, als ich über deren Standlinie rausche, die Autofahrer links und rechts sind etwas konsterniert, daß SIE gerade nicht losfahren können. Da meine Hände und Denkfront eh schon eingefroren sind, bemerke ich diverse Schlaglöcher nicht und der Film meines Unfalls im Frühjahr zieht schön gemächlich an mir vorbei. Ich hätt mich ja erschreckt, aber ich hatt grad so viel zu tun.
Das Café kommt in Sichtweite, ich schmeiß das Rad ans Geländer, trete mit einem Lächeln und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf den Tisch jenes Doktorpaares zu und spüre meine Finger langsam knackend auftauen. Dr. Wahnsinn meint noch ganz anerkennend irgendwas von Handschuhe, da nicke ich besser verständnisvoll, tue so als ob ich die Karte greifen könnte und mein Hirn kommt auch grad an, so daß ich sogar wieder antworten kann. Samstag Morgen in Hamburg.
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