31. Oktober 2007

Franzbrandtwein


Heute morgen wuselte ich etwas verärgert wegen der dauerhaften Verspätung der Busse in Hamburg Richtung U-Bahn und vertiefte mich in mein Buch. Da stieg an einer Station ein blinder junger Mann zu und verstob Schwaden von Franzbrandtwein in die Kabine und zog mich in die ferne Vergangenheit.
Meine Großeltern haben den immer zur Lockerung der Muskeln benutzt und wenn mich meine Eltern bei den Großeltern abgeladen haben, war der Duft öfters in den Räumen zu riechen. Die Erinnerung daran kam wieder zurück und ich war doch verblüfft, wie direkt und unverfälscht sich Erinnerungen gegenüber Dufteindrücken verhalten. Da entstehen die Räume wieder, die es schon lange nicht mehr gibt.

Mittlerweile habe ich einen neuen Arbeitsvertrag. Zuerst wird es weitergehen wie bisher, nur werden ein Drittel mehr Euros auf mein Konto laufen. Und ab Sommer 2008 werden personelle und fachliche Leitungsaufgaben auf mich zukommen. Insgesamt bin ich zufrieden und auch erschöpft von der Phase. Es wurden nicht alle meine Vorstellungen erfüllt, was die Gestaltung meiner Position für die Zukunft betrifft, aber ich habe auf jeden Fall die Perspektiven zurück bekommen, die meine alte Firma nie bieten wollte. Wenig verwundert es mich daher, daß alle meine Kollegen aus dem gleichen Fach gekündigt haben und meine Firma alle verlieren wird. Nicht nur die Mitarbeiter werden ständig angehalten, mit der Zeit zu gehen, das betrifft auch das Unternehmen und da wurden über zwei Jahre die Hausaufgaben nicht gemacht.

Warum gibt es diese Diskrepanz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Wahrnehmung des anderen und des Gesamtzusammenhangs? Ich habe den Verdacht, es gibt immer andere Motive, aber da diese "anderen" schwer zu durchschauen sind, nimmt man einfach die üblichen Verdächtigungen und begründet (Zwangs)Veränderungen damit. Diese Gründe sind anerkannt, durchdiskutiert und vereinfachen das Leben ungemein. Oder denke ich da zu einfach? Mitarbeitergespräche sind nicht dazu da - wie es bei mir war - als lästiges Übel angesehen zu werden, die man nach Belieben ins Jahr hineinverschieben kann. Sie nützen auch wenig, wenn man sie nur alle Jahre lang macht. Sie sind eine wichtige Steuerungsmöglichkeit, wenn der Mitarbeiter ansonsten relativ autark auf Projekten unterwegs ist und sonst kaum Kontakt besteht. Verstehe nur ich "Führung" anders?

Und die andere Seite? Mitarbeiter, die sich in ihren Trott einleben und im Laufe der Zeit den Gedanken an konstante Verbesserung statt nur Verwaltung ihres Tuns keine Gedanken mehr machen? Die strukturell geschützt und sanktioniert immer weniger tun und immer gestreßter wirken und ihr eigenes Nichtstun so optimieren? Zugegeben, das ist übertrieben dargestellt, ich kenne aber einige Menschen auf die das zutrifft. Primär geht es dabei immer um den Kosten-Nutzen Faktor und ums schnöde Geld. Dabei denke ich mir, "wenn ich mehr Gehalt haben will, was kann ich dann verbessern um dieses zu rechtfertigen?" Verstehe nur ich "Mitarbeiterentwicklung" anders?

Mir wird das zu hypotetisch. Ich verweile mit meinem Gedanken beim Franzbrandtwein und schwelge in Erinnerungen über eine vergangene Zeit. Da gab es ein Wohnzimmer und einen großen Hauskamin, auf den man sich inklusive Katze und Buch draufsetzen konnte, während um einen herum der Duft durch das Haus weht. Ob nun Holzofen wir bei den Urgroßeltern oder Erdöl bei den Großeleltern, schließlich war der Opa Kaminbauer.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Nein, Du bist nicht der einzige, der Führung anders definiert. Bei meinem neuen Arbeitgeber gibt es im Jahr drei Mitarbeitergespräche. Zu Beginn des jahres setztman sich zusammen und legt persönliche Ziele fest, die im Jahr erreicht werden sollen. Das sind aber keine Ziele à la "Umsatz steigern, sofort!", Sondern diese Ziele müssen SMART sein. Man bespricht vorallem die mögliche persönliche Entwicklung des Mitarbeiters im kommenden Jahr. In der Mitte des Jahres gibt es ein Zwischengespräch, in dem der aktuelle Stand erfasst wird. man schaut, wo es Defizite gibt und wie man diese Defizite ausgleichen (Schulungen etc.) kann. Am Ende des Jahres kommt dann das finale Abschlussgespräch, in dem Bilanz gezogen wird und nach dem dann die Leistungsbeurteilung stattfindet.
Ich finde das recht gut, da man so eigentlich im ständigen Dialog mit dem Vorgesetzten ist.

Leo und Tanja hat gesagt…

"Mitarbeiter, die immer weniger tun und dabei immer gestresster wirken..." Schön analysiert.
Die Mitarbeitergespräche in der Agentur liefen nach festem Schema ab: Du durftest sagen, wie Du Dich fühlst, bekamst dann verständnislose Blicke, und die Auskunft, dass man ja durchaus Verständnis habe, aber leider kein Budget, um etwas zu verändern. Solltest Du es aber schaffen, im nächsten Jahr 1 Mio. mehr Umsatz zu machen, könnte da durchaus was drin sein. Eine Möglichkeit, wie Du mehr Umsatz machen könntest, wurde Dir nicht an die Hand gegeben, denn dafür gab es kein Budget. Dann wurde Dir stereotyp für die gute Arbeit im letzten Jahr gedankt, Du bekamst einen Zettel rübergeschoben, wo draufstand, dass du 50 EUR brutto mehr bekommst, und der nächste bitte.
Die Message: es ist sowieso egal was Du sagst oder tust.
Die Konsequenz: fast alle Mitarbeiter sind weg.
Das Groteske: der Chef flehte die letzte flüchtende Mitarbeiterin unter Tränen an, zurückzukommen, und kann sich bis heute nicht erklären, was eigentlich schief gelaufen ist. Aber ich, nicht er, sitze in der Psycho-Klinik. ;-)

naiko hat gesagt…

hi.
das mag ja irgendwie pervers klingen, aber in gewisser weise bin ich froh zu hören,dass es offensichtlich überall völlig wurscht ist, wie gut oder eben schlecht man arbeitet, dass man auf jeden fall nicht belohnt wird von denen, die das eigentlich tun sollten, chefs sehe sich offenbar nicht als motivatoren, sondern als irgendwas anderes an. was das sein soll, bleibt weiter ungeklärt.

tröstlich für mich ist's, weil ich bisher dachte, es sei ein charakteristikum des staatsdienstes, dass sie erstens jeden nehmen, der die noten hat (scheint ja in der wirtschaft letztlich auch nicht viel anders zu sein...), und sich zweitens die zuständigen nicht wirklich dafür interessieren, was man wie und unter welchen umständen tut. nur forderungen werden alldieweil neue gestellt.

fazit: wir sitzen dann doch alle irgendwie in einem boot und sollten uns nach möglichkeit nicht allzu sehr ärgern, denn wenn's eh nix bringt, was solls dann: wie wäre es mit einem fokus auf halbwegs zufriedene kunden, ein freundliches lächeln eines kollegen/einer kollegin, ein erleichtertes danke schön ab und an - nicht vom chef, sondern vom sekretär?

ich sitze zwar nicht auf einem schleudersitz, wie so mancher in der wirtschaft, aber dafür auf dem sprungbrett ins burn-out. hat schon mal jemand eine berufsunfähigkeitsversicherung für lehrer abgeschlossen? total unbezahlbar! nur dachdecker zahlen mehr. ich hab übrigens keine.

hab das lob des systems und jegliche anerkennung meiner arbeit samt überarbeitung durch die obrigkeit nämlich längst abgeschrieben und mich darauf verlegt, denen zuzuhören, deren meinung im system gar nichts zählt. den "opfern" meiner arbeit.
funktioniert bestens. und ist damit die vermutlich effektivste berufsunfähigkeitsversicherung ever!

liebe grüße
eure n.