18. Januar 2008

Linke Populistenforen


Ich kanns nicht mehr hören. Oder besser nicht mehr lesen. Gelegentlich stöbere ich in den Foren der FTD und des Spiegels und ganz besonders bei derart brisanten Entscheidung wie die zur landesweiten Berühmtheit mutierten Lokbremser-Gewerkschaft und nun die finnische Mobilfonfirma, die sich erlaubt wirtschaftlich zu denken und zu handeln.

Da wird ein linkes Geschwurbel vom Stapel gelassen, daß die Gewerkschaftsfahnen nur so knattern und scheppern. Schuld ist beim Umzug eines Werkes nach Rumänen eine diffizile Frage, denn die ist weitverteilt. In Summe ist das Umfeld durch Lohnzusatzkosten, Bürokratie, Autobahngebühr und Mitarbeitermitbestimmung für die herstellende Mobilfonsparte in Deutschland suboptimal. Gerade die Herstellung steht hierzulande auf einem eher schwierigen Feld und muß sich mit vielen anderen Standorten beweisen, an denen die Ausbildung der Leute keinen so hohen Stellenwert im Produktionsprozeß hat.

Daß sich dann sogar Minister echauffieren, besagte Mobilfonfirma im Amt und im Privaten zu boykottieren, halte ich für eine brunsdämliche Farce, die die Linke nur allzu gerne aufgreift und weiterträgt. Da wird von Subventionsklau geredet und dabei klammheimlich übersehen, daß vor Ort die Fabrik 1989 gekauft und dort in allerlei investiert wurde. Die Linke schreit, "uns ist Bochum lieber als Rumänen" und nimmt für sich den Egoismus dieser Entscheidung in Beschlag. Denn wenn nun jene finnische Firma den Satz prägt "uns ist dann aber Rumänen lieber als Bochum", dann wird geknattert, was die Foren hergeben. Je niedriger das Niveau und dumpfer die Parolen, desto heftiger werden die Köpfe im kollektiven Nicken geruckelt.

Mein Wahlverhalten ist selbst seit vielen Jahren links geprägt, aber was ich in diesen Foren seit einigen Monaten ertragen muß, läßt mich am Verstand der Roten nicht nur zweifeln, sondern mich mit Abscheu abkehren. Man kann so viel knattern, wie man will, es ist Fakt, daß wir in vielen wichtigen Wirtschaftszweigen eine Weltwirtschaft haben und keine Dorfwirtschaft. Es ist Fakt, daß man sich dem Wettbewerb stellen muß. Als Staat, als Land, als Gemeinde und als kleiner Angestellter oder Arbeiter. Regulierung würgt Arbeitsplätze auf mittelfristige Sicht immer ab und es ist lachhaft, wie man sich über die Erkenntnis ausläßt, daß 11% mehr Lohn eben doch Auswirkungen auf die Konzern- und Beschäftsigungslage haben wird. Das ist ja mal überraschend und noch dazu gemein, wenns jemand auch ausspricht. Sowas.

Jeder einzelne kann wenig in geregelten Zweigen und viel in ungeregelten Zweigen für die Erhaltung seiner eigenen Arbeitskraft tun. Aber es fängt immer mit dem ersten Schritt an: Nachdenken. Und das ist in diesen Foren grad mal ins Klo gespült worden.

Update: Der Kommentar der FTD "Primitiver Populismus gegen Nokia" spricht mir aus der Seele.

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Klingt, als wuerde in den Foren viel mit kurzsichtiger Polemik um sich geworfen.
Das geht auch per Tastatur noch viel feiner als wenn man dabei wem ins Gesicht schaun muss, der sich dann intelligent verteidigen koennte.
Wie gut, dass ich mir diese Foren erspart habe...

naiko hat gesagt…

tja, nicht jedes forum ist sinnvoll und erfreulich, so kommt's mir wenigstens vor. und dafür hab ich dann auch keine zeit übrig.

aber zum thema noch:
ich kenn mich nicht so gut aus wie du, aber für mich ist in erster linie ärgerlich, dass alle (nicht nur linke, sondern alle) so tun, als sei es was unnormales, ein system auszunutzen,dass solche (z.b. nokiaesken) schachzüge ermöglicht. es gibt nun mal keine moral in der wirtschaft, denn wenn's um geld allein geht, dann hört die moral auf. insofern finde ich es verlogen, so zu tun, als habe man nichts gewusst und sei nun total vor den kopf geschlagen, wenn sich wieder mal eine firma benimmt wie sich eben firmen benehmen. sie handeln nach wirtschaftlichen erwägungen. und genau das fördert die politik doch. und die bevölkerung will es auch so (siehe wahlverhalten). also: wer eine freie wirtschft will, der muss auch damit leben, dass leute (und firmen) freie entscheidungen treffen. da bringt jammern nix, schimpfen nix. und pseudo-klagen und morlische unkenrufe sind verlogen von der seite derer, die ansonsten auch selbst gern absahnen.

wer nicht will, dass subventionen ausgenutzt werden, der soll nicht subventionieren. finde ich. alles andere ist augenwischerei.

das wäre, als predigte ich meinen schülern freiheit und eigenverantwortung und ertrüge dann ihre freien entscheidnugen nicht.
ok, zugegeben, viele in meine job haben genau das problem. klingt arrogant von meiner seite, ist es auch. vermutlich.

ich lebe gut mit meiner einstellung.
wirtschaftlich und pädagogoisch. ich mag angepasste idioten nicht, die mitschwimmen und dann jammern, wenn sich die flussrichtung ändert...

herzlichst.
n.

Leo und Tanja hat gesagt…

Hm, ich weiß nicht. Das, was die Politiker da grade mit ihren Handys machen, find ich auch doof und albern. Und natürlich verstehe ich schon, dass viele Firmen in Deutschland zumindest nichts mehr produzieren wollen, zumal wenn sie aus dem Ausland kommen. Da gibt's tatsächlich wirtschaftlicheres. Aber ich bleibe immer wieder an diesem Thema hängen - ich finde schon, dass es auch in der Wirtschaft eben nicht nur um Geld gehen sollte. Denn die Wirtschaft ist ein Teil der menschlichen Gesellschaft, und dient dazu, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Nicht umgekehrt. Dummerweise ist es sehr schwer, in einer freien Wirtschaft (und nein, ich bin kein Anhänger der Planwirtschaft) Firmen dazu zu bringen, auch andere Werte zu verfolgen, sprich Arbeitsplätze, Gemeinwohl, menschliche Arbeitsbedingungen o.ä. zu fördern. Mir fällt nichts anderes ein, als an das Gewissen der Manager zu appellieren, oder sie wahlweise zu verfluchen. Beides gleich wirkungslos. Trotzdem. Sich mit dem Ist-Zustand zufrieden zu geben, weil's halt so ist und weil jeder so denkt und handelt...? Mag ich nicht. Auch wenn ich nix anderes tun kann als meckern.

Anke hat gesagt…

Na klar verhaelt sich "die Wirtschaft" wirtschaftlich-eigennuetzig. Aber auch da gibt es Abstufungen. Auch da kommt Moral mit rein - bei manchen Firmen wenig, bei anderen mehr.
(Sozusagen T's "Gewissen der Mgr")

Und ich habe den Anspruch an Fimen in so einer gesaettigten, hochzivilisierten Gesellschaft wie in Westeuropa, dass da eher mehr Moral mit reinkommt.
(wohl ein hoeherer Anspruch, als ihn N hat? Du bist da bereit, anderes Verhalten zu akzepieren, weil es ja innerhalb der gegebenen Freiheiten ist?)
Das bedeutet: ich fordere, Firmen sollen nicht nur absahnen, sondern sich auch "moralisch" verhalten. Z.B. bei Stellenabbau nicht die rauswerfen, die sich am Schwersten tun werden, was neues zu finden. Umweltbewusst und sozialvertraeglich zu handeln, etc.
Klar koennen sie anders handeln, legal gesehen.
Doch das Entwicklungsstadium "reiner Egoismus" (s.u.)sollten Firmen in Europa hinter sich gelassen haben. In diesem Stadium befinden sich nun Firmen in China. Auch Russland sollte inzwischen teilweise darueber hinweg sein.

Und wenn sich Firmen/Angestellte anders verhalten, sollten sie wenigstens den Anstand haben, beschaemt zu sein, und nicht zu luegen und ueberrascht zu tun. Sollen sie ihre Beweggruende ("Geldgier") erklaeren, das glaubt man ihnen eher.

Denn auch wenn ein Lehrer seinen Schuelern "freie Wahl" gibt, darf er erwarten, dass das keiner ausnutzt (er sollte natuerlich auch nicht ueberrascht sein, wenn das vorkommt - klar wird das irgendwer ausnutzen). Wenn einer das doch tut, muss das sanktioniert werden - schliesslich muessen alle miteinander auskommen; sobald mehr als 1 Person auf einem Haufen sind, wird das Ausleben des Totalen Freien Willens ueblichererweise Schwierigkeiten machen.
Deshalb gibt es Regeln. Damit wir uns nicht gegenseitig die Koepfe einschlagen. Innerhalb dieser Regeln kann dann der freie Wille ausgelebt werden.
Auch in deinen Klassen wird es gewisse Regeln geben, wohl weiter gefasst als bei anderen Lehrern.

Das heisst, die Empfaengerseite -seien es Schueler oder Angestellte oder Firmen- muessen auch eine gewisse Entwicklungsstufe in ihrer Moral erreicht haben, um die ihnen gewaehrten Freiheiten nicht egoistisch auszunutzen. Auch nicht teil-innerhalb der Regeln, indem sie z.b. Subventionen egoistisch missbrauchen.
Und genau das erwarte/fordere ich. Wir sind doch wohl hoffentlich ueber das gesellschaftliche Barbaren-stadium hinaus.

Im Allgemeinen bewegen sich die Firmen in diese Richtung - immerhin sind die Verhaeltnisse jetzt besser als zur Industrialisierung, und es geht der Aufschrei durch Dt wg Nokia (obwohl das wohl eher egoistische Gruende hat - jeder der schreit, fuerchtet letztendlich um den eigenen Arbeitsplatz).
Und es gibt immerhin den Ausdruck "Corporate Responsibility" - d.h. einen Namen fuer etwas Aehnliches, wie wir es hier fordern.

Also: NICHT damit abfinden, wie es ist.
Denn nur wer etwas tut, nur wer es versucht, kann die Welt ein kleines Stueckchen besser machen.

Wen es interessiert: siehe dazu Lawrence Kohlbergs Theorie: dass sich Moral beim Menschen in Stufen entwickelt und einteilen laesst:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stufentheorie_des_moralischen_Verhaltens
(die Seite eta halb runterscrollen fuer die Beschreibung der Stufen)
Bin grosser Anhaenger seiner Theorie.

naiko hat gesagt…

wow. eine anleihe beim thema kommunikation:

ich bin NICHT einverstanden mit dem faktum, dass firmen irgendwie kein moralempfinden haben. ich stelle es nur fest. und ich finde es verlogen, wenn leute, die damit so lange gut leben, bis es sie selbst erwischt, sich dann erst darüber aufregen.
ansonsten finde ich es gut, sich weiter dagegen aufzulehnen, aber ich spreche leuten, die immer erst reagieren,wenn es sie selbst betrifft, ein ganz klein bisschen das recht ab, den großen aufschrei loszulassen, wenn es gerade politisch-gesellschaftlich en vogue ist. entweder, man ist der meinung, das es scheiße läuft (so wie ihr alle hier das immer wieder sagt, damit seid ihr für mich auf der ehrlichen seite, wenn ihr euch jetzt aufregt!!!) - oder man findet das system ansich ok. dann muss man aber auch damit leben, dass einen genau dieses system irgendwann auffrisst.

und was meine schüler betrifft: wenn wir sie nicht ehrlich behandeln, und ihnen die freiheit nur vorgaukeln, dann aber, wenn es uns zu lästig wird, nehmen wir sie einfach wieder weg und behaupten, es zähle nur eine meinung, nämlich unsere, weil wir ja so erfahren sind, dann hat das nichts damit zu tun, dass man sich nicht an regeln hält, die ein sinnvolles zusammenleben ermöglichen. wie kommst du denn auf sowas? hast du den eindruck, ich sei irgendwie für egomane anarchie? erschreckend.

und das passiert gerade mir...

ich bin sehr für gewisse regeln, weil sie das leben erleichtern. aber ich finde, entweder gelten sie für alle, oder für keinen. und freien willen - das kann man diskutieren. nennen wir's lieber "erfüllung der eigenen bedürfnisse".

insgesamt habe ich vielleicht nur eine etwas negativere weltsicht: ich glaube nicht an die entwicklung einer moral in unseren zeiten: ich sehe eher einen verfall des wertesystems. zweifelsohne hat es seid der industrialisierung eine entwicklung gegeben, aber den höhepunkt hat sie meiner ansicht nach überschritten. in meinen augen befinden wir uns derzeit in einem ethisch-moralischen abwärtstrend. und der ist noch nicht zuende.

ich kann falsch liegen. das fände ich sogar sehr erfreulich, aber bis man mir das gegenteil beweist, finde ich es nur einfach immer wieder schwierig, optimismus an den tag zu legen und menschen für eine welt zu erziehen, die sie letztlich nur verarscht.

bitte entschuldigt den groben wortschatz, aber diese themen - missverständnisse eingeschlossen - gehn mir nah.

n.

p.s. nur, um das klar zu stellen: ich werde weiter versuchen, die leute auf die welt vorzubereiten, so gut ich kann. ich werd mich auch weiter in optimismus üben. notfalls, bis ich tot umfalle, oder aber an meiner so oft beunkten (angeblichen...) naivität eingehen.
vielleicht schießt ja irgendwann ein amoklaufender teenager auf mich? und ich werd dann vermutlich gerade keine kugelsichere weste tragen...

Anonym hat gesagt…

Auch wenn man mir vielleicht unterstellen mag, daß ich gerne liberalen Gedanken anhänge, so geht es mir doch tatsächlich um das eine in der Wirtschaft und besonders für den Arbeitnehmer. Daß sie die Zusammenhänge begreifen und nicht nur blind einer Richtung folgen.

Moral von den Managern einzufordern und zu verlangen ist richtig und es gibt genug Beispiele, wie diese es eben gerade nicht machen. Aber auch von Arbeitnehmern ist es für mich legitim Moral einzufordern und nicht blind auf Teufel komm raus alles zu blockieren und verhindern, was sie rein vom Gesetz her können.

Oft genug geht diese beiderseitige Moralvorstellung schief und das Nachdenken setzt eben nicht ein. Die besten Beispiele für Arbeitsverhinderung durch keine-Bock-Angestellten erlebe ich jeden Tag in meinem Projekt. Über die Zusammenhänge nachgedacht ist das eine klare und reinrassige Schädigung des Unternehmens die einem das Gehalt zahlt. Manchmal muß man sich dann nicht wundern, wenn ein Unternehmen Pleite geht. Öfter - das gebe ich zu - ist es das unfähige Management, das durch ihre ungleich größere Bewegungsmacht gleich ganze Hundertschaften mitreißt.

Nichtsdestrotrotz, auch die Politik spielt mit. Ich weise nur auf den Mindestlohn hin und auf die Beurteilung von Wirtschaftsgrößen, daß ein genereller Mindestlohn bis zu 330000 Arbeitsplätze kosten wird.

Moral verlangt ist schnell, aber dann gilt das für alle Bereiche. Soziale Marktwirtschaft kann nur im maßvollen Zusammenspiel aller entstehen. Und das zu begreifen sind diese Populistenposter weit davon entfernt.

Anonym hat gesagt…

Ein gutes Beispiel für Unternehmermoral als Patriarch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Müllermilch#Kritik

Man könnte es auch politisch sanktionierte Arbeitsplatzverlagerung nennen.

naiko hat gesagt…

ich denke, eigentlich liegen wir sooo weit nicht auseinander, in details vielleicht schon. aber: dass es insgesamt am nachdenken hapert,das finde ich auch. auf allen seiten. und dass es darum gehen sollte, dass alle ZUSAMMENarbeiten, ist ein gedanke, den ich gerne teile.

ich glaube sofort, dass es für ein unternehmen ziemlich katastrophal ist, wenn die mitarbeiter still vor sich hin boykottieren, denn dann kommt es nicht wirklich zu einer auseinandersetzung, die fruchtbar sein könnte, sondern nur zu einer schädigung, letztlich aller.

aber manager sind, wie auch politiker, eben meiner ansicht nach oft auch nicht bereit, über ihre eigenen grenzen hinaus zu denken - ganz abgesehen davon, dass sie eben uch besonders hart unter einem gesellschaftlichen und unternehmerischen druck stehen, der sie nicht frei denken und handeln lässt - da mag ja der ein oder andere moralische mensch noch drunter sein, aber insgesamt habe ich zweifel, denn ich hab bereits in meiner sehr kurzen berufszeit- und erfahrung feststellen müssen - dass selbst im kleinen macht unglaublich korrumpiert. und ich glaube, dass verhindert dann bereitschaft und fähigkeit, unkonventionell zu denken (und zu handeln sowieso, denn dadurch könnte man an macht und einfluss einbüßen...).

tja, klingt nicht eben positiv, aber ich denke trotzdem, dass jeder, der daran arbeitet, was zu verändern, mit respekt betrachtet und unterstützt werden sollte.
gruß.
n.