5. August 2009

Tränen aus Prag, Teil IV


Wanda versuchte erst, die Brückentrolle der nahe gelegenen Brücke dazu zu überreden, mit uns ein Stück flußabwärts zu wandern. Die brauchten aber eine halbe Ewigkeit um überhaupt zu verstehen, daß jemand mit ihnen redet (und dabei bildeten sich bedrohliche Rissen im Pflaster durch die Kopfdrehung!). Anscheinend ist das hier eher ungewöhnlich. Also blieben nur Schusters Rappen und wir liefen los.

Die Pinguinschar hatte wie es aussah gerade einen Ausflug in das am anderen Ufer befindliche Musetäum für alte Sachen unternommen aber es war nicht zu erkennen, worin ihr neues Ziel bestehen würde. Es sah auf jeden Fall so aus, als würde die Karlsbrücke auf ihren Weg liegen und dort gab es durch viele Kaufleute und Bürger kaum ein Durchkommen. Wir mußten zusehen, daß wir außen herum so schnell wie möglich einen der Abgänge erreichen konnten.


Eine Schar Brückengnome war gerade dabei, den Westteil zu erneuern und hatten große Löcher in das Pflaster gestemmt, so daß wir den Rücken der gebeugten Brückentrolle sehen konnten. Kurzerhand nutzen wir die Gelegenheit und hüpften unter dem Geschrei der Gnome über diese Lücken hinweg. Bald wurde es ruhiger, da sich die Trolle wegen der Getippsel auf ihrer Rückseite umdrehten und die ganze Brückstabilität ins Wanken brachten. Die Gnome hatten bald andere Sorgen als über uns zu schimpfen und schwenkten nur noch drohend ihre kleinen Fäuste.

Zwischen den vielen Beinen und Bürgern hatten wir immer wieder kurz den Blick auf das Leuchten verloren und beim Springen mußten wir nach unten blicken. So kam es, daß wir alsbald auf der hohen Mitte der Brücke standen, zu beiden Seiten die Abgänge einblicken konnten, aber nirgends mehr die Pinguinschar erblickten. Sie mußten auf uns aufmerksam geworden sein, aber hatten nicht mehr genug Zeit zur Flucht, dessen waren wir uns sicher. Also bremsten wir ab und gingen bedächtig über das Pflaster zur anderen Seite.

In der Mitte saß Karl wie üblich auf der großen Balustrade der Brücke und nickte mal hierhin und mal dorthin um die Händler und Bürger auf seiner Brücke zu begrüßen. Nur mich schaute er irgendwie durchdringend an und nickte dann an mir mit einem verschmitzen Lächeln vorbei. Da er ganz aus Stein war, dachte ich möglicherweise an Knirschkiesel in seinen Nackengelenkspalten, was ihn herumwackeln lassen würde. Aber Wanda hatte es schneller begriffen und blickte mit seiner Richtung zu einem Händlerstand. Der hatte viele Bilder ausgestellt, kleine, große, quadratisch, rechteckig. Alle waren recht dunkel und düster mit einem Teil der Stadtsilouhette ausgemalt und auf vielen war ein heller bernsteinfarbener Fleck zu sehen. Wir liefen hin und sahen uns das genauer an: In jedem Bild war ein leuchtender Pinguin und sah uns mit schreckensgeweiteten Augen an!

Ich nahm eins der Bilder, drückte meinen Daumen auf das kleine Leuchten und begann wie wild zu schütteln. Es war nur ein kleines Stimmchen und Klappern zu hören: "...nicht ...wollten nur ...schön ...leihen ...hat so viele" und schließlich machte es Klonk! und der kleine Bernstein der Undine fiel aus dem Bild in Wandas Hand. So hielten wir es mit allen Bildern und drückten immer einen Finger auf den Pinguin, daß er im Bild bleiben mußte aber seine Fracht sich langsam lockerte. Nach einigen Augenblicken hatten wir so eine gute Handvoll der Steine und alle Bilder waren so komplett düster wie sie vorher waren. Der Besitzer starrte uns aber noch düsterer an und sog gerade seine Lungen voll um irgendwas zu brüllen.

Wir warfen flink unsere ganzen kleinen Münzen auf das Pflaster, auf daß es schön klingelte und schepperte und rannten los Richtung Kleinseite zur Grotte. Die Händler und Bürger wurden ganz wuschig beim Anblick des Münzen und es bildete sich um Nu eine riesen Menschen- und Zwerge- und Gnomen- und was sonst noch Traube. Im Vorbeirennen kitzelte ich Karl noch am Zeh als Dank für seinen Hinweis und wir sprangen abermals über den Rücken der Trolle, die nun nachdem sie etwas zum zweitem Mal gespürt hatten, sich vollends umdrehen wollten und die halbe Brücke ins starke Wanken brachten.

Da wir keine Verfolger hatten, mußten wir diesmal keine Haken schlagen und eilten auf direktem Weg Richtung Grotte. Unsere Hände umklammerten fest die leicht leuchtenden Steine und unsere Schatten- und Lichtfinger huschten wie zwei Glühwürmchenhaufen über die Pflaster der Gassen. Endlich erreichten wir die Alkoven zu der Grotte und bremsten ab um ein wenig zu verschnaufen. Am Fluß hatte sich, jetzt von unseren Blicken entzogen, eine kleine Staubwolke gebildet.

Der Eingang war sehr eng und steil und man hörte von den Wänden wiederhallend das Glucksen des Wassers. Man sah hie und da Tauelfen an den Wänden haften, die voll Schreck verschwanden als sie uns sahen. Weiter in den Felsen ging es hinab, durch einige Kavernen wieder Richtung Fluß, bis wir schließlich durch den letzten Durchgang in die Grotte kamen. Dort sahen wir in den tiefen Schatten die Undine am Teich kauern und machten uns vorsichtig bemerkbar. Die Lichtfinder aus unseren Fäusten glitten eh schon über die fast dunklen Wände.

Als wir den Schatten ihres Kopfes sahen, wie er sich langsam zu uns drehte, wurden die kleinen Steine ganz warm und wir öffneten unsere Hände. Sofort erstahlten die Steinhaufen in hellorangem Licht des Bernsteins und erfüllte die Grotte wieder mit ihrem natürlichen Leuchten und nach und nach hob ein Steinchen ab und glitt langsam zu den Wänden wo sie sich zu kleinen Leuchtehaufen sammelten. Wir sahen auf dem Gesicht der Undine Tränen in den Teich fallen, die langsam mit dem Steinchen zusammen anfingen zu glühen und auf ihrem Gesicht wuchs langsam ein Lächeln heran und als alle Steine wieder ihren Platz gefunden hatten, blieben wir noch einen Moment stehen um den Ablick zu genießen.

Überall waren mit den Steinchen wieder Leuchtquellen in orangenem Licht enstanden. Diese beleuchteten die Wände, Tropfsteine und auch Bilder in der Grotte. Diese zeigten Szenen aus dem Leben der Undine und wohl auch Verwandte oder vielleicht Freunde in verschiedenen Szenen und in sehr vielen Farben. Ich nahm vorsichtig meine Bildermaschine und zeichnete einen Teil der Grotte nach. Dann winkten wir leise zum Abschied und machten uns wieder ans Tageslicht nach diesem schummerig-feuchten Ausflug.


Am Tageslicht angekommen sahen wir, daß das Wetter umgeschlagen hatte auf den schönsten Sonnenschein und beschlossen, den Abend noch mit allerlei schönen kleinen Ausflügen auf den Fruchtberg mit seinen Elfantenzügen zu machen um von dort aus den Schatten ein schönes Rundbild über die Stadt zu bekommen. Von der Brücke und den Gnomen würden wir uns fern halten und morgen sollte unsere Eisenkutsche uns weiter zu unserem eigentlichen Besuch bringen. Die Tränen dieser Stadt in der Grotte am Fluß würden wir noch lange in Erinnerung behalten.

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